… dass mit dem 1966 in Glasgow geborenen Schotten Douglas Gordon einer der bedeutendsten Gegenwartskünstler an der Städelschule eine Professur inne hat?

Douglas-GordonAuf sich aufmerksam gemacht hat Douglas Gordon durch Filme und Videoinstallationen. Der Künstler ist ab dem 19. November im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) mit einer großen Werkschau zu entdecken.

Gordon hat die wichtigsten Kunst-Preise gewonnen und wurde 1996 sogar mit dem Oscar der Kunstwelt, dem Turner Prize, geadelt. Seit 2010 ist er Professor an der Künstlerschmiede Städelschule, in der er selbstverständlich auch einen eigenen Raum hat. „Douglas Gordon. Atelier“ steht neben der Tür. Im Raum dahinter befindet sich eine etwas bizarr anmutende Küche. Mit dem kühlen Weiß, der Einrichtung aus Stahl und den erst auf Kopfhöhe beginnende n Fenstern wirkt die sie etwas unwirtlich, sogar ein bisschen unheimlich. Sie atmet eine Mischung aus Krankenhausküche und Metzgerei. Auch der schwarze Flügel, der in der Mitte steht, macht den Ort, an dem früher Filmprofessor Peter Kubelka arbeitete, nicht gastlicher.

Seine „tutorials“ hält er in der Küche

Auf die Frage nach dem Klavier in der Küche grinst der Mann mit den kurz rasierten Haaren und den vielen Tätowierungen nur: „Ja, ein Klavier in der Küche ist ein absurdes Möbelstück.“ Doch auch wenn der Flügel in Gordons Atelier steht und er in einer musikalischen Familie aufgewachsen ist – sein Vater spielte, wie es sich für einen Schotten gehört, Dudelsack: Douglas Gordon spielt selbst kein Klavier. Es ist für ihn „ein hübsches Objekt, das mir ein gutes Gefühl gibt.“ Seine Studenten allerdings bringen das Instrument manchmal zum Klingen, denn in der Küche hält er auch seine „tutorials“. Und so ist das Klavier für ihn mehr als nur ein Klavier, „ein soziales Objekt“. Mit dem Raum habe er auch Kubelkas Küche reaktivieren wollen, erzählt Gordon, denn, und da klopft er sich auf den Bauch: „Ich liebe Essen“. Außerdem sei es interessanter für ihn, in einem solchen Atelier als in einem Standardatelier zu sitzen.

Die Wahrnehmung wird aufgerüttelt

Irgendwie verwundert diese Aussage nicht. Denn der seltsamen Mischung aus Fremdem und Vertrautem, die die Städel-Küche ausstrahlt, begegnet man auch in Gordons Kunst. Wie das Klavier in der Küche rüttelt sie die Wahrnehmung auf und durcheinander. Dafür nutzt der Künstler in seinen Filmen Tricks wie Bildvergrößerung und -verkleinerungen, Bildverlangsamung und -beschleunigung oder Wiederholungsschleifen. In einigen seiner Videos setzt sich Gordon mit Hitchcock-Filmen auseinander, zum Beispiel in dem auf 24 Stunden gedehnten „24 Hours Psycho” (1993) oder in „Feature Film“ (1999), in dem Gordon Blicke und Gesten des Dirigenten eingefangen hat, der die Filmmusik von „Vertigo“ dirigiert. Im Video „Play Dead. Real Time” (2003) wiederum sieht man einen Elefanten, wie er sich um sich selbst dreht, niedersinkt, sich hinlegt, um wieder aufzustehen, um wieder niederzusinken und so fort – ein Video, das übrigens auch in der Jubiläumsschau anlässlich des 20. Geburtstags des MMK gezeigt wurde. Dieser fremd-vertraute Anblick passt auch zu den Fotos von Filmstars wie Audrey Hepburn, Paul Newman, Faye Dunaway oder Marlon Brando, bei denen Douglas Gordon die Augen heraus geschnitten und durch Spiegel ersetzt hat.

„Ich beschütze die Studenten und esse sie“

Auf die Frage, wie er den Spagat schaffe, als Städel-Professor junge Studenten zu fördern und zu kritisieren, antwortet Douglas Gordon mit einer Schäfer-Metapher: „Der Schäfer beschützt die Schafe vor den Wölfen. Aber am Ende verkaufen sie sie auf dem Markt oder essen sie sie doch. So ist es auch mit mir. Ich beschütze die Studenten und esse sie. Man möchte nicht, dass die Wölfe sie essen, man isst sie selbst. Es ist ein Paradoxon. Ein Konflikt. Aber eine Kunstakademie ist ein bisschen wie eine Metzgerei.“ Auch wenn er dabei feixt und lacht, meint er das ernst. Und die bizarre Küchenumgebung wird plötzlich wieder sehr präsent, wie auch die Gegensätze und Dualismen, die man in Gordons Werken findet: Gut und Böse, Schuld und Gerechtigkeit oder auch Leben und Tod.

Quelle: "Stadt Frankfurt am Main, Presse- und Informationsamt". Autorin: Astrid Biesemeier