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„Jazzhauptstadt“. Natürlich fällt einem zuerst dieser etwas anmaßende, aber höchst inoffizielle Titel ein, mit dem Frankfurt etliche Jahre lang geschmückt war, nachdem es die offizielle Funktion einer Bundeshauptstadt nicht erhalten hatte. In der Tat war Frankfurt die legitime bundesdeutsche Jazzhauptstadt. Der Jazz hatte als illegale und subversive Musik hier wie in vielen anderen deutschen Städten unter schwierigen Bedingungen die Verfolgung der Nazizeit überdauert, aber für eine stürmische Jazz-Entwicklung in den Nachkriegsjahren war Frankfurt bestens ausgestattet: als wichtigste Stadt der amerikanischen Besatzungszone, als Stadt des legendären Jazzkellers, des ersten und bedeutendsten Nachkriegs-Jazzfestivals , als Heimat der Brüder Emil und Albert Mangelsdorff , des späteren Impresarios Horst Lippmann , des Theoretikers Carlo Bohländer und vieler anderer bedeutender Persönlichkeiten der Jazzgeschichte. Der eigenständige deutsche Jazz-Stil, der hier entstand, war seit Mitte der fünfziger Jahre als Frankfurt Sound in aller Munde, und unter dem Aspekt der sich entwickelnden Jazz-Geschichte waren auch Darmstadt und Wiesbaden Teil des Gravitationszentrums Frankfurt.
Der Hessische Rundfunk hatte von Anfang an regen Anteil an dieser Entwicklung, einerseits durch sein Tanzorchester, in dem Jazzmusiker Arbeit fanden und aus dem später die hr Bigband entstand, zweitens und durch die Gründung des Jazzensembles des Hessischen Rundfunks , einer seither kontinuierlich mit wechselnden Besetzungen bestehenden Solisten-Formation. Die Stadt fördert heute den Jazz durch ein jährliches Arbeitsstipendium und durch Unterstützung der Jazzinitiative. Der Jazzpreis des Landes Hessen wird jährlich an Musiker vergeben, die sich besonders um die Entwicklung und Pflege des Jazz verdient gemacht haben. Es ist der zweite wichtige Jazzpreis des Landes neben dem des Wiesbadener Ministeriums für Wissenschaft und Kunst; der dritte wird neuerdings unter Mitwirkung des Jazzinstituts in Darmstadtvergeben.
Als zweites nach Frankfurt fällt einem das Etikett „Hessenjazz“ ein, das seit vielen Jahren als Etikett auf einem touristisch relevanten Festival in dem Taunusstädtchen Idstein klebt. Begründet als Festival des traditionellen und des Amateur-Jazz, ist das Festival heute ein gleichermaßen urbanes wie auch touristisches und natürlich musikalisches Ereignis, das einem populären Gesamtkonzept verpflichtet ist.
Vielerorts hat die Jazz-Szene Musikerinitiativen hervorgebracht. Sie haben den zentralistischen Hauptstadtgedanken aufgelöst und bilden die regionalen Szenen, ihre Einflüsse, Widersprüche, Stilrichtungen, Verbindungen und Vorlieben ab. Da die Individualisten-Musik Jazz nicht immer Anhänger von Einheitsfront-Gedanken anlockt, ist es zuweilen zu Abspaltungen oder Gegengründungen gekommen. In Frankfurt zum Beispiel gab es neben der Jazzinitiative etliche Jahre lang den Musikerkreis FIM (Forum improvisierender Musiker).
Die älteste Jazzinitiative des Landes allerdings findet sich nicht in Frankfurt, sondern in Gießen. Sie wurde im Frühjahr 1977 offiziell gegründet und besteht seither mit großer personeller und integrativer Kontinuität, ermöglicht Kontakte zwischen Musikern verschiedener Generationen und Stilrichtungen, veranstaltet Konzertreihen und – wenn dafür Geld da ist – Festivals in der Stadt; seit auch schon geraumer Zeit gibt es hier als zweite Musikerinitiative mit eigenem Profil den Gießen Improvisers’ Pool . Überaus umtriebig und erfolgreich ist seit vielen Jahren die kontinuierliche Arbeit der Jazzinitiative in Kassel. Eine lange freigeistige Tradition unter schwierigen Rahmenbedingungen kennzeichnet die Wiesbadener Musikerinitiative , die sich ursprünglich um den Spielraum ArtIst gruppierte, stark vom Projekt der freien Improvisation geprägt ist und seit vielen Jahren ihre Heimatbasis in der Stadt multipliziert hat.
Andere Jazzinitiativen, etwa in Offenbach, Langen, in der osthessischen Jazz-Diaspora in Fulda oder in Hofheim am Taunus , sind eher Freunden des Jazz organisiert, wenn auch immer wieder mit professionellen Gästen, die auch, aber nicht unbedingt professionell Musik machen. In anderen Städten sind es bestimmte Spielorte, die sich zu Zentren des regionalen und lokalen Jazz-Lebens entwickelt haben. In Marburg spielt die Cavete diese Rolle, in Bad Hersfeld das Buchcafé, in Hofheim der Jazzkeller. Hofheim übrigens, das Vordertaunus-Städtchen mit S-Bahn-Anbindung an Frankfurt, hatte jahrelang ein ausgesprochen renommiertes unabhängiges Festival zu bieten, das immer wieder ein Forum war für die Präsentation von aktuellem Jazz aus der damals noch existierenden DDR.
Zur international prominentesten Institution des Jazz in Hessen aber hat sich das Darmstädter Jazzinstitut entwickelt. Aufgrund der überaus kompetenten Arbeit dreier hauptamtlicher und zahlreicher ehrenamtlicher Mitarbeiter genießt es einen internationalen Ruf als Dokumentationszentrum, Schallarchiv, Forschungsinstitut, Konzertveranstalter, Kurator von Ausstellungen, kurz: als Zentrum und Ansprechpartner für alles und jeden, was und wer mit Jazz zu tun hat.
Bilder: Blitzschuh@Photocase , Norbert Klöppel/ hr