Museumsstandort Kassel

Kassel als bedeutender Museumsstandort in Deutschland

Kassel – Schneller waren nur die Engländer. Als 1779 das Kasseler Fridericianum errichtet wurde, war es der erste Museumsbau auf dem europäischen Kontinent. Landgraf Friedrich gab dem Gebäude nicht nur seinen Namen, sondern auch jedem Besucher Papier und Bleistift, damit er sich Notizen mache. Dieses Musterbild der Aufklärung wurde nur dadurch getrübt, dass Friedrich den Bau mit dem Verkauf seiner Landeskinder als britische Soldaten nach Amerika finanzierte. Doch die Bildungstradition ist geblieben: Kassel gehört heute mit der drittgrößten Museumsdichte zu den wichtigsten Museumsstandorten Deutschlands.

Das Fridericianum blieb dabei immer das Kernstück der Kasseler Kultur. Alle fünf Jahre ist es Hauptgebäude der documenta mit zuletzt gut 750 000 Besuchern. 2008 zeigte es zum Beispiel die Landesausstellung „König Lustik“ um den ebenso ambitionierten wie frivolen kleinen Bruder Napoleon Bonapartes. „Morgen wieder lustik?“ soll sein einziger deutscher Satz gewesen sein, obwohl er als Jérôme I. von 1807 an sechs Jahre von „Cassel“ aus das zusammengewürfelte Königreich Westphalen regierte. Das Land erlebte einen Modernisierungsschub, diente letztlich aber doch nur als Steinbruch für Napoleons Expansionsdrang. Dennoch: Das Fridericianum war damals das erste – wenn auch machtlose - Parlament in einem deutschen Land.

Die Landesausstellung mit mehr als 600 Exponaten erinnerte an die kurze Zeit des Jérôme. Ausgestellt war die Casseler Verfassung – auch sie die erste in Deutschland. Bei der Vorbereitung der Ausstellung entdeckte man quasi nebenbei ein unbekanntes Gemälde von Jacques-Louis David, weltberühmt für «Der Tod des Marat». Sein Napoleon ist unvollendet, Szepter und Reichsapfel sind nur skizziert. „David hatte die Insignien ausleihen wollen. Die Krone hat das aber verweigert“, sagte Ausstellungskurator Thorsten Smidt. So blieb das Bild unvollendet. Das Gemälde ist schon seit Jahrzehnten in Kassel, wurde bislang aber einem unbedeutenden Maler zugeschrieben.

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Jérôme ließ in Wilhelmshöhe, dem vornehmen Stadtteil unter dem größten Bergpark Europas, ein Ballhaus errichten, um dort die Nächte durchzutanzen und galante Abenteuer anzubahnen. Konzipiert wurde es von einem jungen Baumeister namens Leo von Klenze. Es war das Debüt des Mannes, der später München zur Residenz- und Weltstadt ausbauen sollte. Damals hieß Wilhelmshöhe Napoleonshöhe. Der Schriftzug prangt in Gold am barocken Schloss, das Geschichte schrieb. Jérôme residierte hier. Sein Neffe saß hier in Gefangenschaft, nachdem er als Napoleon III. den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 verloren hatte. Und ein Jahrhundert später näherten sich Bundesrepublik und DDR hier bei Gesprächen zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und Ministerpräsident Willi Stoph ein wenig an.

Heute birgt das Schloss die wichtigsten Schätze der vor vier Jahren geschaffenen Museumslandschaft Hessen-Kassel. Sie hat die größte Rembrandt-Sammlung Deutschlands. Zu verdanken ist dass Landgraf Wilhelm VIII., der 34 Bilder des Genies erwarb. Das böse Erwachen kam erst zwei Jahrhunderte später, als sich weltweit viele „Rembrandts“ als „Rembrandt-Schüler“ herausstellten. Jetzt hat Kassel nur noch zehn, vielleicht elf echte Rembrandts. Publikumsmagnete sind sie alle: Als die 34 echten und falschen 2006 ausgestellt wurden, schnellte die Besucherzahl um 64 Prozent in die Höhe.

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Zur Museumslandschaft Hessen Kassel (mhk), in der seit 2006 sechzehn Museen und Bauwerke vereinigt sind, gehört auch der Herkules, der 600 Meter über Kassel thront. Dass die 300 Jahre alte Figur des antiken Helden 2008 zeitweise wegen einer Restauration kopflos war, schien die Menschen kaum zu stören: Zehntausende strebten in den Bergpark und auf die Besucherplattform, um bei der gut 20 Millionen Euro teuren Sanierung zuschauen zu können.

Nicht zur mhk gehört das Ottoneum. Es war vor vier Jahrhunderten das erste Theater in Kontinentaleuropa – wieder waren nur die Engländer schneller. Heute ist es naturkundliches Museum. „Um unsere drei Reliquien beneiden uns weit größere Häuser“, sagt Kai Füldner. Der Direktor meint das Herbar Ratzenberger, eine fast fünf Jahrhunderte alte Sammlung gepresster Pflanzen, und die Schildbachsche Holzbibliothek mit gut 600 Holzsorten. „Das wichtigste ist der Goethe-Elefant. Das junge Tier war verunglückt und Goethe lies sich für seine Abstammungsforschung den Schädel schicken – zum Entsetzen seiner Zimmerwirtin.“

Bundesweit einmalig ist das Deutsche Tapetenmuseum mit 18 000 Objekten fernab der Raufaser und auch das Museum für Sepulkralkultur, das sich mit dem Sterben beschäftigt. Ursprüngliche Totenkulte werden ebenso gezeigt wie moderne Kunst um den Tod. Dabei bemühen sich die Aussteller um einen würdevollen, aber leichten Umgang mit dem Thema. Eine Ausstellung über poppig bemalte Künstlersärge kam so zu dem Titel „Le dernier cry“ - „Der letzte Schrei“

Mythen, Märchen und Moderne – Kassel hat Vielfältigkeit zu bieten: Mit der traditionsreichen und bedeutendsten Weltausstellung documenta ist Kassel zum Nabel der zeitgenössischen Kunst avanciert. Doch Kassel ist nicht nur eine der ersten Kunstadressen der Welt, sie ist auch eine erste Museumsadresse in Europa, sowie einem Grünflächenanteil von 60 Prozent, mit drei Parks und drei Schlössern, gekrönt vom größten Bergpark Europas.

Über den Autor

Knut-Seidel-100

Der Thüringer Knut Seidel studierte Kulturwissenschaften und begann seinen beruflichen Weg in Suhl. 1998 zog es ihn dann zunächst als Geschäftsführer der Stadthalle Kassel in den Norden Hessens, um ab 2001 auch die Geschäftsführung der „kassel tourist GmbH“ zu übernehmen.
Knut Seidel engagiert sich in zahlreichen nationalen wie internationalen Verbänden, wie z.B. „Historic Conference Centres of Europe“.