Poetry Slam!

„Slam Poetry ist nix Neues“, beginnt Peter O. Chotjewitz sein Vorwort zur Anthologie „Kaltland Beat“ von 1999 und verweist auf die jahrhundertelange Tradition von Dichterwettkämpfen von der Antike über die europäischen Wettbewerbe der Meistersinger bis zu improvisierten Vortragswettbewerben auf den Marktplätzen von Sardinien in den 1970er Jahren. Das Prinzip der Poetry Slams – eine Anzahl von Autoren tritt zum Wettstreit gegeneinander an, jeder hat die Gelegenheit, sich innerhalb eines vorgegebenen Zeitlimits mit einem eigenen Text zu präsentieren, eine Jury aus dem Publikum oder das gesamte Publikum als Jury kann dann Text und Vortrag bewerten und am Ende des Abends gibt es einen Gewinner, der einen Preis bekommt – ist also tatsächlich alles andere als neu. Neu ist zum einen der Name und zum anderen die schier unglaubliche Ausbreitung und Vernetzung, die dieses Veranstaltungsformat in den letzten zwei Jahrzehnten generiert hat.

poetische-LandeshauptstadtSeine Geburtsstunde erlebte der Poetry Slam unter diesem Namen 1986 in Chicago. Angeödet von der Sterilität und Leblosigkeit der meisten Literaturveranstaltungen startete der Bauarbeiter und Lyrikfan Marc Kelly Smith im Green Mill Jazz Club den „Original Chicago Uptown Poetry Slam“: Eine Wettkampflesung, bei der Dichter möglichst auswendig ihre Werke rezitierten. Die Ernennung einer Jury aus dem Publikum, die ähnlich wie beim Einkunstlaufen mit Bewertungstafeln von 0 bis 10 ausgestattet wurde, diente einerseits der Interaktivität zwischen Bühne und Auditorium, war anderseits aber auch eine spöttische Karikatur auf die Allmachtsansprüche der etablierten Literaturkritik, die in der Lage ist, mit ihren Urteilen Autoren nach Belieben zu „machen“ oder zu vernichten. Den Begriff „slam“ (engl. „schlagen“, auch „Schlacht“) fand Smith passend, um die wetteifernde Stimmung der Slam-Nächte im Chicagoer Arbeiterviertel „Bucktown“ wiederzugeben.

Urknall

Dieser Urknall wurde zuerst vernommen in San Francisco und New York, wo Marc Smiths Veranstaltungsformat von findigen Aktivisten aufgegriffen, kopiert und via medialer Verbreitung um die ganze Welt geschickt wurde. Heute, gut zwanzig Jahre später, weist die internationale Slam-Landkarte kaum noch einen weißen Flecken auf.
In Deutschland fanden die ersten Poetry Slams Anfang der Neunziger Jahre statt, seit 1997 werden hierzulande einmal im Jahr deutschsprachige Meisterschaften unter dem Titel „German International Poetry Slam“ ausgetragen, zu denen sämtliche Slam-Veranstalter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Teilnehmer entsenden. Im Februar 2007 zog dann auch das Fernsehen nach und präsentierte unter der Moderation von Jörg Thadeusz im Spätprogramm des WDR allwöchentlich eine halbstündige Dichterschlacht.

Ein Phänomen

Poetry-SlamWährend es zunächst die Metropolen waren, in denen das Format von begeisterten Poeten und Veranstaltern auf die Bühne gehievt wurde, hat der Poetry Slam mit deutschlandweit etwa 80 mehr oder wenig regelmäßig stattfindenden Slams längst auch die kulturelle Diaspora erreicht. Ein Phänomen. Was ursprünglich als leicht ironisch gemeinter Versuch gedacht war, Literatur einmal anders auf die Bühne zu bringen, hat sich mittlerweile zu einem soziokulturellen Netzwerk mit basisdemokratischem Charakter ausgewachsen.
Eine comedyverwandte Jagd nach möglichst vielen Schenkelklopfern pro Minute und das Auf-der-Strecke-Bleiben von tatsächlichen literarischen Ansprüchen kann man monieren – erstaunlich ist trotz allem und immer wieder die Bandbreite dessen, was auf Slam-Bühnen geboten wird. Von stotternd hervorgebrachten Tagebucheinträgen über pointierte Kürzestgeschichten und fein gearbeitete Lyrik bis zu frei rezitierten Wortkanonaden ist alles drin. Und während die seit Jahren in der Szene marodierenden Profis mit ihrem Publikum zu spielen wissen wie gewiefte Entertainer, kriegt auch der Nachwuchsdichter, der sich zum allerersten Mal mit seinen Texten vor Publikum ausprobieren möchte, hier ganz selbstverständlich seine Chance. Einzige Regel: Verboten sind Rezitationen fremder Texte sowie Kostüme und Requisiten jeglicher Art. Text, Stimme, Mikrofon – nicht mehr, nicht weniger.
Und während in Amerika mit PSI – Poetry Slam Incorporated – längst ein Dachverband zur Wahrnehmung der Interessen der Slam-Gemeinde gegründet wurde, konstituiert sich Poetry Slam in Deutschland immer noch einzig aus der zwanglosen Gemeinde der Aktiven. In der Praxis bedeutet das, daß eine Anzahl von Dichtern und Veranstaltern, oftmals in Personalunion, sich via Internet und Telefon über anstehende Aktivitäten austauscht, um sich landauf landab bei den diversen Veranstaltungen über den Weg zu laufen. Konkurrent ist man für ein paar Minuten dort oben auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Den Rest der Zeit ist man Freund, Kollege, Interessensverwandter.

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Poetry Slams in Hessen

In Hessen gibt es derzeit fünf regelmäßig stattfindende Poetry Slams. Der älteste davon wird in Frankfurt von Dirk Hülstrunk organisiert und geht im Café 1 der FH Nibelungenplatz über die Bühne. Einer der bundesweit größten Poetry Slams ist die Dichterschlacht in der Darmstädter Centralstation , organisiert von OIiver Gaussmann. In Marburg ruft in regelmäßigen Abständen Lars Ruppel zum Slam in den Kulturladen KFZ . Unter dem Titel dichterrat bittet Wolfgang K. Fiege in Kassel in der Kulturfabrik Salzmann zur Wortschlacht. Last but not least habe ich selbst acht Jahre lang in der Landeshauptstadt Wiesbaden Poetry Slams unter dem Label „Where the wild words are“ im Kulturzentrum Schlachthof veranstaltet. Seit 2007 führe ich dies in der neuen im Wiesbadener Club Gestüt Renz fort: Literatur-Lounge SPEAK TANK .
Daneben finden hin und wieder unregelmäßige Poetry Slams in anderen Hessischen Städten zu speziellen Anlässen, wie z.B. den „Hessischen Literaturtagen“, statt. Und auch die poetische Nachwuchsförderung gehört längst zum Programm der Szene. So gibt es seit 2003 den von Patricia Link organisierten Poetry Kids! Slam für 8- bis 14-Jährige im Kulturpalast Wiesbaden und seit neuestem auch einen U20 Poetry Slam samt Workshop unter der Leitung von Dirk Hülstrunk in Frankfurter Mousonturm.

 

Über den Autor

Alexander-Pfeiffer-PlakatAlexander Pfeiffer

lebt in Wiesbaden als freier Autor, Literatur-Veranstalter, Moderator und Aushilfstaxifahrer. Bislang drei Bücher mit Erzählungen und Gedichten sowie zwei Kriminalromane, zuletzt „So wie durchs Feuer hindurch“ (Societäts Verlag, 2006). Vorsitzender des Landesverbands Hessen im Verband deutscher Schriftsteller (VS). Gastgeber der Literatur-Lounge SPEAK TANK im Wiesbadener Club "Gestüt Renz".

 

Bilder: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! / Tilman Döring (Darmstadt), Stefan Dörsing (Gießen), Karsten Hohage (Heidelberg), Necip Tokoglu (Aachen), Michael Bloeck (Frankfurt), Alex Dreppec (Darmstadt) - fotografiert von "Neusehland"