Filmgeschichte

Film lässt sich in vielen Geschichten erzählen, Film kann als Kultur- und Wirtschaftsgut, Produkt technischer Errungenschaften, sozialpolitischer Seismograf, künstlerische Ausdrucksform oder Aufklärungs- und Propagandainstrument betrachtet werden.

Film bildet einen wesentlichen Teil des kulturellen Gedächtnisses – solange er immer wieder aktualisiert werden kann. Seine Geschichte schreibt sich gleichzeitig auch als Geschichte des Materials, dessen Bewahrung, Restaurierung und Präsentation. Film bannt seine Stories und Stars auf leicht entflammbarer Nitrocellulose, später auf Triazetat. Seine Bilder werden mit 8 mm, 9 mm, 16 mm, 17,5 mm, 28 mm, 35 mm oder 70 mm breiten Streifen projiziert. In Pathéscope, Kinetoscope, CinemaScope und VistaVision sieht man sie „larger than life“ auf der Leinwand. Zunehmend bestimmen Nullen und Einsen den Film – das digitale Kinozeitalter hat bereits begonnen.

Filme bewahren und restaurieren

Murnau-Stiftung-LogoFilm zu bewahren, ist keine leichte Aufgabe, denn Film ist ein vergängliches Medium. Jede Vorführung nutzt das Material ab. Zudem setzt ein chemischer Verfallsprozess ein, Nitrocellulose etwas zersetzt sich. Ein Großteil der frühen Filme existiert heute nicht mehr. Und selbst Filmkopien aus den 1980er Jahren finden sich oft erst nach intensiver Recherche, denn Filmverleiher und -produktionen sehen oft keine Notwenigkeit, die Kopien nach der Auswertung in den Kinos aufzuheben oder an ein Filmarchiv zu geben. Auch rechtliche Rahmenbedingungen fehlen, die eine verbindliche Abgabe von Filmkopien an Archive festlegen, wie sie bereits in den Bereichen der Musik und Literatur gelten.

Verschiedene Institutionen und Kinematheken in Deutschland bewahren, sammeln und restaurieren Film. Die drei größten filmbezogenen Archive teilen sich dabei die Aufgabe einer deutschen Kinemathek: das Bundesarchiv/Filmarchiv , die Deutsche Kinemathek , beide in Berlin, und das Deutsche Filminstitut – DIF in Frankfurt am Main und Wiesbaden. Dieser Kinematheksverbund wurde im Laufe der Zeit durch das Deutsche Filmmuseum Frankfurt am Main, seit 2006 eine Einrichtung des Deutschen Filminstituts, die Filmmuseen Potsdam, München und Düsseldorf sowie die DEFA-Stiftung in Berlin erweitert. Mit Gaststatus vertreten sind die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden, und Cinegraph – Hamburgisches Centrum für Filmforschung e.V.

Filme restaurieren

Mit zahlreichen Unternehmen im Bereich der Postproduktion, der digitalen Bildbearbeitung und Produktion bildet die Region Rhein-Main einen führenden Medienstandort. Darüber hinaus engagiert sich das Kulturland Hessen für den Film. Nicht nur die zahlreichen Filmfestivals – etwa goEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films oder exground filmfest – sowie der Hessische Film- und Kinopreis zeugen vom Engagement, der Kunstform die angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Auch die vom Deutschen Filminstitut initiierte und betriebene Internet-Plattform für den deutschen Film gehört dazu: filmportal.de bietet Interessierten im In- und Ausland kostenlos Informationen zu allen deutschen Kinofilmen und berichtet über die lebendige Filmkultur in Deutschland. Doch auch „hinter den Kulissen“ bewegt sich viel: Mit dem Deutschen Filminstitut – DIF und der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung befinden sich zwei der bundesweit bedeutendsten Filmarchive mit wertvollen Beständen in Hessen.

Rxground-LogoBei Temperaturen um die sechs bis acht Grad Celsius lagern in den Kühlkellern des Deutschen Filminstituts rund 20.000 Kopien. Klassiker des deutschen Films wie das CABINET DES DR. CALIGARI (D 1919/1920), NOSFERATU (D 1921) oder BERLIN, DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (D 1927) fallen darunter, aber auch Tonbilder und historische Werbefilme. Zu den Kopien des Deutschen Filmmuseums, die zur Zeit in die Bestände des DIF integriert werden, gehören Experimental- und Avantgardefilme der 1920er Jahre, fast sämtliche Filme Oskar Fischingers und Walter Ruttmanns befinden sich darunter, zudem zahlreiche Filmkopien des Neuen Deutschen Films.

Filme wieder zugänglich machen

Neben der Archivierung restauriert das Deutsche Filminstitut / Deutsche Filmmuseum auch Filme und bringt sie – beispielsweise im Rahmen der edition filmmuseum – auf DVD heraus. Der 1999 restaurierte Scherenschnittfilm DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED (D 1923-1926) von Lotte Reiniger gehört dazu. Ebenso wurde die weltweit einzige viragierte Filmkopie von HAMLET mit Asta Nielsen aus den frühen 1920er Jahren restauriert. Dabei geht es nicht nur um eine technische Rekonstruktion, vielmehr wird eine integrale Fassung des Films im ursprünglichen Zusammenhang des Films angestrebt. Bei der Restaurierung von TAGEBUCH EINER VERLORENEN (D 1929) wurde etwa mit Material aus fünf, teils internationalen Archiven gearbeitet. Damit Film auch als Kinokultur gepflegt werden kann und im Sinne des kulturellen Gedächtnisses aktualisiert wird, bietet das DIF einen nicht-kommerziellen Verleih seiner Bestände an und präsentiert seine Schätze im Kino, etwa in der Caligari FilmBühne in Wiesbaden und dem Kino des Deutschen Filmmuseums.

Neben dem DIF bewahrt und pflegt auch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung das Filmerbe. Es handelt sich dabei um das aus den Produktionsfirmen Ufa, Tobis, Terra, Bavaria und Berlin-Film hervorgegangene ehemals reichseigene Filmvermögen. Seit der Gründung im Jahr 1966 wurde dieser Bestand weitgehend gesichert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – dazu gehören rund 2.000 Stummfilme aus den Jahren 1900 bis 1929 sowie 1.000 Tonfilme von 1930 bis 1960, zudem 3.000 Kultur-, Dokumentar- und Kurzfilme. Zahlreiche Restaurierungen und DVD-Editionen prägen die Arbeit der Murnau-Stiftung, darunter Filmklassiker wie Friedrich Wilhelm Murnaus TARFÜFF (D 1925) oder METROPOLIS von Fritz Lang (D 1925/1926).

Beide Archive erfüllen einen bildungspolitischen Auftrag. Neben dem Verleih, dem Vertrieb auf DVD und der Präsentation auf der Leinwand stehen die Filmarchive der wissenschaftlichen Nutzung offen: An Sichtungsplätze können Studenten, Doktoranden, Postdoktoranden und andere Fachkräfte aus wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen arbeiten.

 

Über die Autorin

Claudia Dillmann, M.A. seit 1997 Direktorin des Deutschen Filminstituts - DIF, Frankfurt am Main, zu dem seit 2006 auch das Deutsche Filmmuseum gehört. Studierte Germanistik, Theater-, Film-, Fernsehwissenschaften und Kunstgeschichte in Frankfurt.
Als Direktorin des DIF Entwicklung wissenschaftlicher Projekte zur deutschen und internationalen Filmzensur, Gründerin und Festivaldirektorin von goEast (2000-2003), Chefredakteurin von filmportal.de, der zentralen Plattform für den deutschen Film im Internet. Lehraufträge, Ausstellungen und Veröffentlichungen u.a. zur klassischen deutschen Filmarchitektur, zur Darstellung des Holocaust im deutschen Nachkriegsfilm, zum Neuen Deutschen Film.

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