Atelier Goldstein

Das Atelier Goldstein in Frankfurt/Main widmet sich mit viel Engagement dem Werk behinderter Menschen, die sonst nicht den Weg in den Kunstbetrieb finden würden. 2001 hat der Verein Lebenshilfe Frankfurt e.V. ein Atelier gegründet, in dem außerordentlich begabte geistig behinderte Künstlerinnen und Künstler unter professionellen Bedingungen arbeiten können. Die meisten von ihnen sind Autisten, einige haben Down-Syndrom, andere bewegen sich an der Grenze zwischen geistiger Behinderung und sozialer Ausgrenzung.

Holger Frischkorn-2Die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler wird durch die Leiterin, Christiane Cuticchio (Bühnenbildnerin), Liz Coleman (bildende Künstlerin) sowie fünf Studierende aus dem Fachbereich Kunstpädagogik individuell begleitet. Die aufgrund ihrer Begabung ausgewählten Künstlerinnen und Künstler erhalten dort professionelle Arbeitsbedingungen um Zeichnungen, Gemälde sowie Skulpturen herzustellen. Mit der nötigen Aufmerksamkeit können die Künstlerinnen und Künstler im Atelier Goldstein ihre künstlerischen Visionen frei von räumlicher Einschränkung und dem Infragestellen ihrer Person, realisieren. Für Menschen, die nicht in der Lage sind, ihr tägliches Leben selbst zu organisieren, ist diese Möglichkeit ein ungeheurer Zuwachs an Lebensqualität.

Ist das Kunst oder nicht?

Darüber lässt sich bekanntlich streiten, aber eine Klassifizierung als "Behindertenkunst" lehnt die Leiterin des Atelier Goldstein jedoch kategorisch ab: "Wenn wir sagen, das ist Behindertenkunst, dann müssten wir auch sagen, das ist Kunst von Diabetikern oder Linkshändern. Tun wir das?"
Christiane Cuticchio sieht ihre Aufgabe vor allem darin, dafür zu sorgen, "dass diese Kunst nach außen kommt, von der grünen Wiese in die Gesellschaft, in die Ausstellungshallen und Museen. Dann kann sie zur Diskussion gestellt werden, und dann kann man sie gut oder schlecht finden."

In seiner fünfjährigen Geschichte haben die Künstlerinnen und Künstler des Ateliers an bedeutenden, auch internationalen Ausstellungen teilgenommen.

Holger Frischkorn-1Z. B. fand im Jahr 2003 eine große Ausstellung im ehemaligen Hauptzollamt, das damals noch Teil des Museums für Moderne Kunst (MMK) war. Der Erfolg war so überwältigend, dass in der Folgezeit die Künstler zu zahlreichen anderen Ausstellungen eingeladen wurden. Unter anderem wurde Hans-Jörg Georgi im Jahr 2004 auf der renommierten Triennale der Kleinplastik in Fellbach präsentiert. Im Sommer 2005 wurde die Zukunftsstadt von Stefan Häfner im Deutschen Architekturmuseum (DAM) gezeigt. Die Zukunftsstadt gehört inzwischen zur Sammlung des DAM und wird zur Zeit im MAD Musee in Liege/Belgien ausgestellt.

Klicken Sie für eine vergrößerte Ansicht auf das BildDer heimliche Star des Ateliers Goldstein ist jedoch Christa Sauer . Sie hat das Down Syndrom und gilt als geistig behindert. Sie kann kaum sprechen, zieht auf großen Leinwänden mit dem Pinsel sprichwörtlich ihre Kreise. Die Frankfurter Kunstszene ist begeistert von ihren Gemälden. Sie sind farbenprächtig, abstrakt und dekorativ. Ihre Bilder liegen im Trend - und sind begehrte Kaufobjekte. Die Künstler vom Atelier Goldstein sind gefragt. Museen, Galerien, Banken und öffentliche Einrichtungen stellen ihre Werke aus.

2006 wurde ein sehr erfolgreicher Austausch mit „Kunst & Vliegwerk“, Leiden/Niederlande sowie dem Garvey Center Limerick/Irland begonnen. Die gemeinsam erarbeiteten Kunstwerke wurden Ende September 2006 in einer Ausstellung gezeigt, die durch die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt am Main, Frau Dr. h.c. Petra Roth, eröffnet wurde, die auch für ein Jahr die Schirmherrschaft über das Atelier Goldstein übernahm.

Christa-SauerDie Präsentation der qualitativ hochwertigen Arbeiten des Ateliers an ausgewiesenen Orten der bildenden Kunst sorgt dafür, dass ein gesellschaftliches Umdenken in Gang kommt und Vorurteile
gegenüber geistig behinderten Menschen abgebaut werden. Die nicht nur in Hessen herausragende Initiative für das Atelier Goldstein ist daher gleich aus mehrfacher Sicht wertvoll. Hochrangig ist dabei der Aspekt der Integration zu bewerten, dass hier Menschen mit Behinderung erstmals mit dem in die Öffentlichkeit treten und Beachtung finden, was sie besonders gut können, während sie sonst immer über ihr Defizit definiert werden.

Das Atelier wächst stetig. So wurde inzwischen eine integrative Kindergruppe gegründet, die noch erweitert werden soll. Bis Anfang 2008 befand sich das Atelier in einer Liegenschaft, die von der Stadt Frankfurt am Main gegen die Erstattung der Nebenkosten zur Verfügung gestellt wurde. Inzwischen hat die "Peter Paul und Emy Wagner-Heinz Stiftung" der Lebenshilfe für die Unterbringung des Atelier Goldstein ein Gebäude langfristig überlassen: Dieses ist eine ehemalige Remise einer Fabrik, die sich in Frankfurt-Sachsenhausen befindet.
Der neue Ort lässt eine deutliche Verbesserung der Arbeit und der Außenwirkung zu: Neben der Remise kann auch der angrenzende Park für die Arbeit und Ausstellung behinderter Maler und Bildhauer genutzt werden. Seitdem gibt es in der Remise kontinuierlich Ausstellungen, an Wochenenden auch Präsentationen der Arbeitsweise der Künstler, von denen einige gerne zu ihrer Arbeit Erläuterungen abgeben. Für größere Wechselausstellungen steht ein großer Ausstellungsraum im Hauptgebäude, der „Fabrik“, zur Verfügung. Damit ergibt sich eine einmalige Chance zur Integration.

Die  Webseite des Ateliers stellt die Künstler  ausführlich vor – auch mit ihren Bildern.

Zur Internetseite der Lebenshilfe

Autor: Frank Mußmann


Über den Autor

Frank Mußmann
ist seit langen Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender der Lebenshilfe Frankfurt – und war zuletzt beruflich als langjähriger Leiter des Kulturamtes der Stadt Frankfurt und danach bis 2006 als Präsident der Hochschule für Gestaltung (HFG) in Offenbach tätig.


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