Das Branchenbuch für Hessens Kulturlandschaft.
Finden Sie Künstler, Musiker, Theater, Förderpreise und vieles mehr…
Das Branchenbuch für Hessens Kulturlandschaft.
Finden Sie Künstler, Musiker, Theater, Förderpreise und vieles mehr…

Banken, Börse, Flughafen – das ist das Image von Frankfurt am Main. Dass es sich um eine Metropolregion mit polyzentrischer Siedlungsstruktur und diversifizierter gewerblicher Struktur handelt, die es zu verbinden und vermitteln gilt, ist eine der Herausforderungen an Politik, Planung und Kultur aus der Binnensicht. Denn ein Gemeinschaftsgefühl „Wir sind Frankfurt/Rhein-Main“ ist bei vielen Akteuren nicht explizit vorhanden, obwohl Arbeiten und Freizeit in der gesamten Region von der Bevölkerung längst gelebt wird.
Der Strukturwandel lief in Frankfurt/Rhein-Main weniger schmerzhaft ab als z. B. in Rhein-Ruhr, dank der Vielfalt der wirtschaftlichen Aktivitäten und der wirtschaftliche Dynamik. Allerdings gingen auch hier Identität stiftende Firmennamen und die Zahl inhabergeführter Unternehmen deutlich zurück. Heute denken die Wenigsten beim Begriff "Frankfurt/Rhein-Main" an das industriekulturelle Erbe der Region. Dabei haben hier Unternehmen von Weltruhm gewirkt und ihre Spuren hinterlassen – und tun es heute noch: Von Aventis/Infraserv auf dem Gelände der ehemaligen Chemiefirma Hoechst in Frankfurt, über Opel-General Motors in Rüsselsheim und Schott-Glas in Mainz bis hin zu den vielen hoch spezialisierten High-Tech-Unternehmen der Region.
Diesen Schatz an lebendigen Zeugnissen des produzierenden Gewerbes samt dazugehöriger Infrastruktur zu bergen, wieder ins Bewusstsein zu bringen und zugänglich zu machen, ist Anliegen des Projektes »Route der Industriekultur Rhein-Main«. Ausflugstouren, Besichtigungen, Führungen und Informationen vor Ort versetzen Besucher in die Lage, regionale Zusammenhänge an konkreten Beispielen zu erleben und zu begreifen. Ziel ist, die Route der Industriekultur als Teil des vielfältigen Kultur- und Freizeitangebots der Region zu etablieren und damit zur Bildung einer stärkeren regionalen Identität beizutragen.
… hilft, den Standort Frankfurt/Rhein-Main besser zu verstehen und zu positionieren, bündelt kulturelle, wirtschaftliche, planerische und soziale Aktivitäten und bietet eine Kommunikationsplattform für den kreativen Dialog über die Nutzung ehemaliger Industriebauten. Sie wirkt als Vehikel für Stadtentwicklung und regionale Identität und stellt wohnortnahe Freizeit-/Bildungsangebote bereit, eingebettet in den Regionalpark RheinMain, dessen Wegeverbindungen genutzt werden. Als regionales, mehrfach gefördertes Konsensprojekt verhilft die Route der Industriekultur Rhein-Main der Region zu einem funktionierenden interkommunalen, interdisziplinären Netzwerk von Akteuren.
160 km lang, vom bayerischen Untermain über das hessische Kerngebiet entlang des Mains bis Bingen am Rhein in Rheinland-Pfalz erstreckt sich die bundesländerübergreifende Route der Industriekultur Rhein-Main, in der u. a. die Städte Frankfurt am Main, Offenbach, Hanau, Darmstadt, Wiesbaden, Mainz und Aschaffenburg zusammenarbeiten.
Die Lebensadern Rhein und Main, Strom und Fluss, bilden die zentrale Achse der Route der Industriekultur, an die sich – Nebenflüssen gleich – weitere Routen angliedern können. Anhand einer Gitterband-Struktur können lokale Routen regional verknüpft werden. Diese Verknüpfungspunkte werden als »Andockstellen« am Fluss bezeichnet. Die Grundlagen hierfür wurden 2001 im Rahmen eines von der EU finanzierten Projektes in zwei Studien erarbeitet.
Circa 700 Objekte, davon etwa 120 von regionaler Bedeutung, sind für die Route der Industriekultur im Rahmen zweier Studien identifiziert worden:
Fabriken, Stätten der Ver- und Entsorgung, Kraftwerke, des Verkehrs, des Wohnens, der Kunst und der Erholung.
In einem ersten Schritt wurden die wichtigsten regionalen Bauwerke für einen Routenführer zusammengestellt. Parallel dazu erarbeiten die jeweiligen Kommunen eigene lokale Routenführer – 19 verschiedene gibt es inzwischen. Die einzelnen Stationen kann man mit dem Auto, Bus oder dem Fahrrad anfahren. Ergänzend kommen Schiffsfahrten hinzu sowie die Nutzung von Straßen- und S-Bahnen und ggf. alten Bahntrassen.
Die industriekulturellen Orte werden mit Informationstafeln als Objekte der Route kenntlich und möglichst zugänglich gemacht. Bei laufenden bzw. teilweise stillgelegten Industrieanlagen werden Werksführungen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Unternehmen entwickelt.
Ein weiterer Schritt sind zukunftsträchtige Umnutzungen von Gebäuden und Anlagen – so etwa erfolgreich realisiert beim ehemaligen Schlachthof in Offenbach (Umbau und Nutzung als Hotel) oder beim Umbau der ehemaligen Frankfurter Seifenfabrik Mouson in ein Kulturzentrum. Gelungene Beispiele, sogenannte »good practices« aus anderen Regionen, z.B. dem Ruhrgebiet, geben dabei wertvolle Impulse. Neben Politikern und Verwaltungsfachleuten arbeiten Planer und Kunsthistoriker, Unternehmer und Vereine, Hochschulen, Interessensvertreter und engagierte Einzelne bei der Entwicklung und Inszenierung der Route mit.

Das seit 2003 in der Vorgängerorganisation der KulturRegion organisatorisch betreute Erfolgsprojekt wird seit Ablauf der EU-Förderung Mitte 2006 von der Ende 2005 gegründeten KulturRegion Frankfurt RheinMain gGmbH als Dachgesellschaft auch finanziell unterstützt. Die kontinuierliche regionale Zusammenarbeit an diesem konkreten Konsens-Projekt birgt eine große verbindende Kraft, die u. a. dazu geführt hat, dass das Gros der an der Route beteiligten Kommunen inzwischen der neuen Dachgesellschaft KulturRegion Frankfurt RheinMain gGmbH beigetreten ist.
Ein wichtiges Vehikel für das Projekt ist das jährliche Veranstaltungswochenende der Route, das seit 2003 mit wachsendem Erfolg (Besucherzahlen, Zahl der Veranstaltungen, Beteiligte, Bekanntheit) inszeniert wird. Grundprinzip ist, durch sinnliche Erfahrung vor Ort Perspektiven zu verändern und Horizonte zu erweitern bei Teilnehmern, Unternehmen, Kommunen. Es gibt Führungen und Besichtigungen sonst nicht zugänglicher Orte, Rad- und Schiffstouren, Theater, Kino, Kunst und Musik an ungewöhnlichen industriekulturellen Orten. Jedes Jahr steht ein Fokusthema im Mittelpunkt: 2010 war das Thema „Automatisierung – Mensch und Maschine“ und bot u. a. eine Präsentation des Charlie Chaplin Filmes „Moderne Zeiten“. 240 dezentral organisierte Veranstaltungen wurden an 125 Orten angeboten. Der Zeitgeist, der zu einem wiedererweckten Interesse an der heimischen Region und ihrem Wirkungsgefüge führt, weht in die richtige Richtung für das Vorhaben.
Wenn Routen weiter ausgearbeitet sind und die Beschilderung komplettiert, kann auch die touristische Dimension der Route stärker in den Vordergrund treten. Neben dem Ziel, regionale Identität zu stärken geht es auch weiterhin darum, kulturelles Erbe zu bewahren und zu bespielen sowie Impulse zu geben für nachhaltige (Um-) Nutzungen. Zukunftsträchtige Themen wie „Nutzen des Klimawandels“ oder „Zukunft der Arbeit“ sind weitere Arbeitsfelder der Route. Die Konsolidierung und der Ausbau der regionalen und internationalen Netzwerke schafft die Voraussetzung dafür, dass auch in Zukunft nach dem Prinzip von „good practices“ die Beteiligten in ihrer Arbeit voneinander profitieren können.
Die nächsten Tage der Industriekultur Rhein-Main werden vom 2. – 7. August 2011 stattfinden, und werden, mit der Kraft vieler Beteiligter, wieder eine neue Facette der Region Frankfurt/Rhein-Main zum Funkeln bringen.
Weitere Informationen findet man auf der Webseite des Projekts und in dem Buch „Route der Industriekultur Rhein-Main“ (ISBN 3-7973-0960-0), erschienen 2006 im Societäts-Verlag, das für 9,90 € im Buchhandel erhältlich ist.
Über die Autorin
Sabine von Bebenburg
Jahrgang 1960, Dipl.-Geographin und Absolventin der London School of Economics and Political Science. 1988-1992 bei der Messe Frankfurt, seit 1992 beim Umlandverband bzw. Planungsverband.
Seit 2003 Regionale Koordinatorin der Route der Industriekultur Rhein-Main in der Geschäftsstelle der KulturRegion Frankfurt RheinMain gGmbH (bzw. deren Vorgängerorganisation).
Bilder: Sabine von Bebenburg, Liz Rehm
Autor: Sabine von Bebenburg