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Die Stiftskirche auf dem Gießener Schiffenberg zählt zu den größten Sakralbauten der Romanik. Heute ist das Bauwerk aus dem 12. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel. Zum Denkmal von nationalem Rang ist die ehemalige Stiftskirche auf dem Gießener Schiffenberg von der Bundesregierung erhoben worden.
Das Bauwerk stammt aus dem 12. Jahrhundert. Die Basilika auf dem Gießener Hausberg zählt zu den größten Sakralbauten der Romanik nicht nur in Mittelhessen und gilt als kulturhistorische Perle Gießens, einer Stadt, die ansonsten vergleichsweise wenige bedeutende Bauten aus früheren Jahrhunderten vorzuweisen hat.
Die Anerkennung der Stiftskirche als Bauwerk von nationaler Bedeutung fußt auf einem vom Landesamt für Denkmalpflege erstellten Gutachten und einem entsprechenden Antrag des Magistrats. Hervorgehoben wird in der Expertise besonders der Dachstuhl der Basilika, der als bauhistorische Rarität gilt. So haben Fachleute bei ihren Untersuchungen herausgefunden, dass weite Teile der bis heute erhaltenen hölzernen Konstruktion aus der Zeit um 1160 stammen. Sogar bis ins Jahr 1145 ließ sich das Dach des Spitzhelms zurückdatieren. Es handelt sich damit in Deutschland um eine der wenigen noch in ursprünglicher Form bestehenden Dachkonstruktionen aus dieser Zeit. Nach Angaben von Gerd Weiß, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, sind solche Dachwerke sonst nur noch in den Stiftskirchen von Sindelfingen und Bad Münstereifel erhalten.
Die Aufnahme in die Liste der bedeutenden kulturhistorischen Zeugnisse Deutschlands ist für die mittelhessische Stadt nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil damit finanzielle Unterstützung für Instandhaltung und Sanierung einhergehen. Nachdem in früheren Jahren bereits die ehemalige Propstei und Komtur auf dem mittelalterlichen Anwesens des Schiffenbergs restauriert wurden, lässt die Stadt derzeit mit der Basilika das wichtigste Bauwerk der Anlage vor Verfall sichern und sanieren. Mit veranschlagten Kosten in Höhe von rund 3,2 Millionen Euro handelt es sich um eines der aufwendigsten und teuersten Restaurierungsprojekte seit langem. Mit Hilfe von Fördermitteln aus dem Programm „National wertvolle Kulturdenkmäler“ könnte sich der von der hochverschuldeten Stadt zu tragende Anteil auf etwa zweieinhalb Millionen Euro reduzieren, kalkuliert die für den Denkmalschutz zuständige Stadträtin Astrid Eibelshäuser (SPD).
Bei den Arbeiten, die sich in mehreren Bauabschnitten bis ins übernächste Jahr gliedern, liegt der Schwerpunkt zunächst auf der Sicherung und Renovierung des Dachstuhls. Denn bei Überprüfungen hatte sich herausgestellt, dass ein Teil der tragenden Balken zu brechen droht, weil die Statik der Konstruktion vermutlich aufgrund früherer Instandsetzungsarbeiten aus dem Lot geraten ist. Beträchtliche Schäden zu beheben gibt es auch an Mauerwerk, Fassaden und an dem noch aus der Erbauungszeit stammenden Putz im Innern des Gebäudes.
Zurückzuführen sind diese Schäden auf das zerstörerische Werk der Witterung infolge offener Arkaden. Um weiterem Substanzverlust Einhalt zu gebieten, sollen die Gebäudeteile, die seit dem Abbruch des südlichen Seitenschiffs in früheren Jahrhunderten freiliegen, mit einer Konstruktion aus Folien und Planen besser vor Regen und Wind geschützt werden.
Die Geschichte des Klosters Schiffenberg beginnt im frühen 12. Jahrhundert. Seinerzeit stiftete die Gleiberger Gräfin Clementina den Schiffenberg dem Erzbistum Trier und verfügte, dass dort ein Kloster gebaut werde. 1129 fand die Weihe der noch unvollendeten Kirche statt, die in der Folgezeit erweitert und in Teilen umgebaut wurde.
Augustiner-Chorherren betrieben das Kloster, sie bildeten später eine Wirtschaftsgemeinschaft mit dem um 1230 gegründeten Chorfrauenstift, das sich unweit des Schiffenbergs befand. Über die Nutzung der Ländereien kam es zwischen beiden Klöstern jedoch immer wieder zum Streit, was nicht nur zu gerichtlichen Auseinandersetzungen führte, sondern auch zur Folge hatte, dass die Bewirtschaftung der Felder und Wälder darunter litten. Schließlich verfügte der Trierer Erzbischof um 1320 die Aufhebung des Augustiner-Klosters und übergab das Anwesen dem Deutschen Orden. Der richtete dort um die Mitte des 14. Jahrhunderts eine Komtur ein und verwaltete vom Schiffenberg aus einen Teil seiner Ländereien in Hessen.
In folgenden Jahrhunderten gab es immer wieder Bestrebungen der hessischen Landgrafen, den Deutschen Orden zurückzudrängen und den Schiffenberg in Landesbesitz einzugliedern. Daran scheiterte jedoch unter anderem auch Philipp der Großmütige. Erst 1809 hob Napoleon den Deutschen Orden auf und überstellte den Schiffenberg staatlicher Kontrolle, der nach dem Ende der französischen Fremdherrschaft als großherzogliche Domäne geführt wurde.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Schiffenberg mit umliegenden Ländereien an die Familie eines Landwirts verpachtet. Der Schiffenberg wandelte sich in dieser Zeit zu einer Art Gutshof, Stallungen und Wirtschaftsgebäude entstanden. Vom Ende des 19. Jahrhunderts an avancierte der Schiffenberg zum beliebten Ausflugsziel.
Anfang der siebziger Jahre wechselte das Anwesen vom Land in den Besitz der Stadt Gießen. Die Kommune ließ den Schiffenberg nach alten Vorbildern neu gestalten, heruntergekommene landwirtschaftliche Gebäude abbrechen und historische Bauten instand setzen. Zugleich richtete die Stadt den Schiffenberg zu einem kulturellen Treffpunkt her.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 19. Juli 2012 (Seite 49), Autor: was.