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Im Freilichtmuseum Hessenpark ist gestern eine Synagoge eröffnet worden, in der eine Ausstellung über jüdisches Leben gezeigt wird. Wie die Dauerausstellung in der Synagoge einmal aussehen soll, können die Besucher bis Juli mitbestimmen. So lange sind auf der Empore vier Entwürfe für die künftige Gestaltung zu sehen, die mit Punkten bewertet werden können.
Ernst Stein hat etwas, das er mit fast niemandem mehr teilen kann. Ein Schatz, den kein Historiker oder Religionswissenschaftler dem Freilichtmuseum Hessenpark rekonstruieren kann. Stein, der 17 Jahre lang Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Berlin war, stammt aus Mannheim. In Groß-Umstadt war er oft bei der Verwandtschaft zu Besuch. Deshalb weiß Stein, wie die Synagoge aus Groß-Umstadt einmal im Innern ausgesehen hat. „Sie hatte eine blaue Decke mit goldenen Sternen“, sagte Stein gestern. Dabei stand er vor der Tür der heute im Hessenpark stehenden Synagoge und blickte nach oben. Dass die Synagoge bei ihrem Wiederaufbau im Jahr 1988 höher wurde als im Original, ist dem 83 Jahre alten Mann nicht entgangen. „Das Dach ist viel zu spitz.“
Seit gestern ist die Synagoge aus Groß-Umstadt für eine Ausstellung geöffnet. In den beiden kleinen Nebenräumen hat Helga Krohn Informationen über die Jüdische Gemeinde des Odenwald-Orts zusammengestellt. Im Saal stehen Stellwände mit großformatigen, erläuterten Fotografien aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Sie stammen aus Monica Kingreens Buch „Jüdisches Landleben in Windecken, Ostheim, Heldenbergen“. Die Orte sind heute Stadtteile von Nidderau. Kingreen arbeitet im Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums, das eine Internetseite mit dem Titel www.vor-dem-holocaust.de betreibt. Diese ist über ein Terminal im Saal abrufbar und enthält Tausende Fotos aus dem Alltagsleben der jüdischen Gemeinden, das mit dem Nationalsozialismus in Flucht oder Tod endete: Familienbilder, stramme Sportlerriegen, fröhliche Ausflügler.
Wie die Dauerausstellung in der Synagoge einmal aussehen soll, können die Besucher bis Juli mitbestimmen. So lange sind auf der Empore vier Entwürfe für die künftige Gestaltung zu sehen, die mit Punkten bewertet werden können. Dass sie statt 2013 womöglich erst 2015 fertig sein soll, nahm mancher Eröffnungsgast mit Enttäuschung auf. Auch wenn der Geschäftsführer des Hessenparks, Jens Scheller, Hoffnung auf eine frühere Finanzierung machte. Dazu sammelt das Freilichtmuseum Spenden.
Es ist nicht die erste Verzögerung in der Geschichte der Synagoge: Obwohl die Juden in Groß-Umstadt das Grundstück schon 1824 kauften, konnte das Gotteshaus erst 1874 eröffnet werden. 1938 wurde die Synagoge geschändet und zwangsweise verkauft. Um ihren Erhalt oder die Versetzung in den Hessenpark gab es in den siebziger Jahren erbitterten Streit. „Das wirkt bis heute nach“, sagte der heutige Groß-Umstädter Bürgermeister Joachim Ruppert (SPD).
Im Hessenpark wurde die aufgebaute Synagoge anfangs als Lagerraum genutzt. Erst in jüngster Zeit hat man sich an die Sanierung gemacht. Für eine Rekonstruktion des Innern wisse man mangels Dokumenten zu wenig, sagte Scheller. Rabbiner Stein könnte sicher manches Ausstattungsdetail schildern. Aber wichtiger als die Anordnung der Bänke oder Leuchter ist seine Erinnerung an das, was seine kindliche Religiosität geprägt hat: „Die Synagoge war für mich Geborgenheit“, erzählte Stein.
Gestern betrachtete der Rabbiner die sauber gefugten Steine, das frisch gestrichene Holz und den sauberen Boden. „Der Raum ist kalt“, sagte Stein. „Mit der Synagoge hat er nichts mehr zu tun.“ Gewaltsam zerstörte Geborgenheit lässt sich nicht rekonstruieren.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 4. Juni 2012 (Seite 39), Autor: bie.