100 Jahre Schopenhauer-Gesellschaft: Festakt im Frankfurter Römer

schopenhauerEtwa 30 Jahre lebte Schopenhauer in Frankfurt. Erst die Frankfurter Schule hat Schopenhauer auf der akademischen Ebene wahr- und ernst genommen. Die Schopenhauer-Gesellschaft feierte nin im Frankfurter Römer mit einem Festakt ihr hundertjähriges Bestehen.

 

Vor der „Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren“, lässt der Philosoph seine Leser an etlichen Stellen in seinem Werk wissen, grause es ihn. Dabei hätte Arthur Schopenhauer eine akademische Karriere wohl in Kauf genommen, wenn sie ihm denn angetragen worden wäre und er sich selbst nicht im Weg gestanden hätte.

In Berlin legte er sein Kolleg just auf die Stunden, in denen auch der schon berühmte Hegel seine Vorlesungen hielt. Zu Schopenhauer verirrte sich kaum ein Student. Seine große Wirkung entfaltete der Denker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch nicht in der Fachphilosophie, sondern außerhalb der Disziplin, bei Künstlern etwa oder Literaten.

Erst die Frankfurter Schule hat Schopenhauer auf der akademischen Ebene wahr- und ernst genommen. Max Horkheimer führte Schopenhauer mit Marx zusammen und nannte die beiden die Philosophen, die für die Anfänge der kritischen Theorie entscheidend gewesen seien. Der Frankfurter Horkheimer-Schüler Alfred Schmidt machte bei seinem Vortrag im Kaisersaal des Römer auf derlei Zusammenhänge aufmerksam. Die Schopenhauer-Gesellschaft feierte dort mit einem Festakt ihr hundertjähriges Bestehen. Er war der Höhepunkt einer über zwei Tage verteilten Jubiläumsveranstaltung, zu der etwa eine Reihe von Vorträgen im Haus am Dom gehörten. Der blinde Wille, wie Schopenhauers Begriff für die universelle Kraft der Natur lautet, dürfe ebenso wenig das letzte Wort haben wie der vom Verfasser des „Kapitals“ angenommene Primat der Ökonomie, fasste Schmidt eine Forderung der frühen kritischen Theorie zusammen. Und sprach so von der Aktualität eines Denkens, das sich sowohl der Idee einer absoluten Natur als auch der vom ökonomischen Charakter aller Handlungen verweigert.

Der Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) sagte in seiner Ansprache, die Schopenhauer-Gesellschaft besteche durch ihre Internationalität und die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zu „verschiedenen Berufsgruppen und sozialen Hintergründen“. Dies entspreche dem weltoffenen Charakter sowohl Schopenhauers als Frankfurts. Die Internationalität der Stadt sei vor 120 Jahren einer der für sie sprechenden Punkte gewesen, als Schopenhauer die Vor- und Nachteile von Frankfurt und Mannheim als mögliche Wohnorte auflistete.

Etwa 30 Jahre lebte der Philosoph in der Messestadt, nachdem er sich für sie entschieden hatte. „Schopenhauer war ein Querdenker“, führte der Stadtrat aus, „und war auf der Suche nach einer Stadt, die ihm die Möglichkeit bot, wider den Zeitgeist zu philosophieren. Zugleich sollte sie kulturelle und wissenschaftliche Möglichkeiten aufweisen.“ Seine Mutter allerdings habe ihn vor Frankfurt gewarnt: Die Stadt sei für eine große zu klein, für eine kleine zu groß und im Ganzen ein Klatschnest.      zer.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung 01.11.2011 Seite 41, Autor: zer