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Der Ort war gut gewählt: der Versammlungsraum des historischen Sozialgebäudes der früheren Anilinfabrik K. Oehler, die zu einem der weltweit wichtigsten Farbenhersteller werden sollte.
In dem 1910 eröffneten, unter Denkmalschutz stehenden Gebäude, dessen Haupttrakt Fachleute „sakralen Charakter“ zuschreiben, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.
Von Bebenburg, Geschäftsführerin der Kulturregion Frankfurt/Rhein-Main GmbH, sprach denn auch vom „nostalgischen Charme“, den der im Fünfziger-Jahre-Stil gestaltete Saal verströme. In der gekachelten, mit vormals beheizbaren Sitzbänken ausgestatteten Badehalle machte Michael Molter – zwischen 1993 und 1998 Produktionsleiter des Offenbacher Hoechst-Werks, in das die Oehler-Fabrik nach einigen Zwischenschritten überging – deutlich, wie fortschrittlich und sozial eingestellt die Wegbereiter der chemischen Industrie seinerzeit waren.
Doch an dem Ort, an dem 1842 Ernst Sell mit der Farbendestillation aus dem Rohstoff Teer begann, wird seit mehr als einem Jahr kein chemisches Produkt mehr hergestellt. Die Etage, in dem sich der Versammlungsraum befindet, nutzt ein Fotostudio. Für den Offenbacher Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) ist das ein Beispiel dafür, dass in den ehemaligen Chemiestandort neues Leben einkehrt. Laut Schneider soll das 40 Hektar große Areal künftig zu einem „Energiepol“ entwickelt werden, an dem künstlerisch Kreative neben Jungunternehmern aus dem Sektor erneuerbare Energien tätig sind.
Der Wandel der chemischen Industrie und ihrer Standorte in der Rhein-Main-Region ist ein Leitthema der „Tage der Industriekultur“, die vom 2. bis 7. August stattfinden. Fast 280 Veranstaltungen an 125 Orten zwischen Miltenberg und Bingen, Wetterau und Odenwald werden angeboten. Ob per Bus, Bahn, Schiff, Rad oder zu Fuß: Die Besucher können heutige Chemiebetriebe und historische Standorte erkunden. Das Frankfurter Wissenschaftszentrum „Experiminta“ bietet zudem ein Mitmachprogramm, ebenso das Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim.
Mainz, das sich an der Veranstaltungsreihe beteiligt, widmet sich mit der „Spektrale“ dem Thema Farbe. Das aufwendige Veranstaltungsprogramm knüpft laut von Bebenburg an das von der Unesco ausgerufene internationale Jahr der Chemie an. Anlass hierzu ist der hundertste Jahrestag der Verleihung des Chemienobelpreises an Madame Curie.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 22.Juni 2011 (Seite 61), Autor: ajw.