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Das 18. Rüsselsheimer Festival des satirischen Films ist vor wenigen Tagen erfolgreich zu Ende gegangen. Die FAZ informiert darüber, was dem Publikum geboten wurde und ihm besonders gefallen hat.
Eine Frau, die im Park ihre Hüllen fallen lässt, mobilisiert die männlichen Instinkte – vom Spanner bis zum Beschützer. Daraus entwickelt sich ein intrigantes Spiel voller Drohungen und Erpressungen, bei dem die scheinbar bedrohte Schöne stets im Vorteil ist. Aus diesem Verwirrspiel hat Oliver Boczek in „Nackte Tatsachen“ ein köstliches Filmchen gemacht, das jetzt bei den 18. Rüsselsheimer Filmtagen im Wettbewerb um die Publikumsgunst stand.
Auch sonst zeigte die Auswahl satirischer Kurzfilme immer wieder starke Frauen, die dem anderen Geschlecht lustvoll seine Grenzen aufzeigen. Dazu fallen Sydney Gunkel in „Letzte Ausfahrt“ mit einer Zufallsbegegnung am Rand der Autobahn, einem verkrachten Burschen und einem selbstsicheren Mädchen, eine Vielzahl überraschender Wendungen ein, bis der Möchtegernräuber unter sanfter weiblicher Anleitung zum Helden mutiert. Das Heldentum ausgetrieben wird dagegen in „Heiratsbizar“ von Simon Rogowski dem türkischen Macho auf Freiersfüßen. Als zusätzliche Pointe zieht in dem flott gezeichneten Trickfilm die türkische Mama die Fäden nach allen Regeln der archaischen Heimatkultur.
Dort wo sich eine Frau ihrer Stärke bewusst wird, nimmt sie dann aber die herkömmlichen männlichen Züge an, vermittelt Felix von Seefranz in „Busy“ mit einer Geschäftsfrau, die von Termin zu Termin hetzt, sich selbst außer Komfort nichts mehr gönnt und sich gegen alle sozialen Kontakte mit harscher Ungerechtigkeit abschirmt. Und die arrivierte Reporterin, die in „Edel Weiß: Tränen in Hinteröd“ von Richard Westermaier in die nach herkömmlichen sozialen Hierarchien geregelte Provinz vorstößt, findet die einst heile Welt in jeder Beziehung deformiert vor.
Wo die Männer ohne weibliche Konkurrenz ihre Kreise ziehen, machen sie auch keine bessere Figur. Die drei grotesk kostümierten Ganoven in „Das ganz große Ding“ von Martin Murch und Kai Uwe Lipphardt ebenso wenig wie die Straßenclowns, die Philipp Bank in „Hirsch!“ beim missratenen Werbeeinsatz für eine Schnapsmarke beobachtet hat. Und in „Maibaumklau für Anfänger“, von Martin Nudow im Stil von „XY ungelöst“ rapportiert, entwickelt sich ein scheinbar spontaner Schabernack als spießig reglementiertes Ritual.
Es gibt unter den 18 Filmen, die aus 85 Arbeiten ausgewählt worden sind, zwei Titel von Frauen. In „Ich brauche mehr Rot“ demonstriert Monika Tenhündfeld mit einer Fünf-Minuten-Studie Zeichentechnik und Stilprinzipien, und in „Mobile“ entfaltet Verena Fels ein munteres Spiel beim Ausbalancieren großer und kleiner Tiere.
Die satirischen Ansätze der Filme sind mal grob, wie in Jan Moritz Gadermanns „Welcome to London“, der den Besucher unter die Räder aller denkbaren Fahrzeuge schickt, und mal feinsinnig, wie in Benjamin Swiczinskys „Heldenkanzler“, der einen Politiker mit diktatorischen Ambitionen als kleinen Kerl zeigt, der sich zu historischer Größe brüllt. Die große Keule aber packt Manuel Francescon aus, in „Offenbach hat viel zu bieten“. Den hämisch jubilierenden Kommentar auf eine Metropole mit Altstadt, Fachgeschäften und Partyszene konterkarieren Bilder von architektonischer und sozialer Tristesse: Im Vereinslokal der Eintracht-Fans könnte der Drei-Minuten-Spott Kultstatus erlangen. Das Rüsselsheimer Publikum aber bevorzugte in der Abstimmung die Filme der Frauen und plazierte „Mobile“ vor „Ich brauche mehr rot“ und „Letzte Ausfahrt“.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 22.Juni 2011 (Seite 50), Autor: JÜRGEN RICHTER