Wo Sprengstoff abgefüllt wurde

Wappen StadtallendorfIm Zweiten Weltkrieg wurde Stadtallendorf in der Nähe der Universitätsstadt Marburg in Mittelhessen zum Zentrum der Rüstungsproduktion. Ein Dokumentationszentrum informiert heute über das Schicksal der damaligen Zwangsarbeiter. Es handelt sich um eine der umfassendsten Aufarbeitungen zu Waffenherstellung und Zwangsarbeit.

In einer Nacht musste man 1.200 Granaten machen, was freilich keine leichte und wenige Arbeit war. Unsere Arbeitszeit betrug zwölf Stunden in Tag- und Nachtschichten. Vom Lager bis zur Fabrik gingen wir jeden Tag acht Kilometer zu Fuß. In den Monaten Dezember, Januar und Februar gingen wir bei Winter, Frost, Kälte und Schnee ohne Strümpfe und Tuch, in Holzschuhen und zerlumpt. Alle Leiden kann ich nicht erzählen, die wir sowohl körperlich als auch seelisch auf uns nehmen mussten.“

Es sind die Aufzeichnungen Betroffener, wie dieser Auszug aus den Erinnerungen einer ehemaligen Zwangsarbeiterin, die es ermöglichen, sich einen authentischen Eindruck vom bedrückenden Alltag in den Sprengstofffabriken bei Stadtallendorf während des Zweiten Weltkriegs zu machen. Die Werke zählten zu den größten Waffenzulieferern in Europa.

Etwa 17.000 Zwangsverpflichtete – Kriegs- und Strafgefangene, Männer und Frauen aus 22 Nationen sowie zuletzt auch Häftlinge aus Konzentrationslagern – wurden bis wenige Wochen vor der Kapitulation in den Werken vor den Toren der damaligen Ortschaft Allendorf zum Herstellen und Verfüllen von Sprengstoffen eingesetzt. Mit der Geschichte der Stadt im nördlichen Mittelhessen als Stätte nationalsozialistischer Rüstungsproduktion befasst sich das Dokumentations- und Informationszentrum Stadtallendorf, dem eine Ausstellung angegliedert ist. Es handelt sich um eine der umfassendsten Aufarbeitungen zu Waffenherstellung und Zwangsarbeit.

Schüler legen den Grundstein zur Nachforschung

Grundlage dafür bildete die Spurensuche von Schülern. Bei einem bundesweiten Wettbewerb zur deutschen Geschichte hatten sie sich Anfang der achtziger Jahre damit beschäftigt, ein dunkles Kapitel der jüngeren Geschichte ihrer Stadt zu erforschen, das andererseits die Voraussetzungen schuf für die Entwicklung Stadtallendorfs zu einem der größten Industriestandorte in Mittelhessen nach dem Krieg. Die Arbeit der Schüler ermöglichte bis dahin kaum bekannte Einblicke in die Produktionsbedingungen in den Betrieben und ins Lagerleben, wie sich Fritz Brinkmann-Frisch, Leiter des Dokumentationszentrums, erinnert.

Auf den Schülerrecherchen basierend, begann eine vom Magistrat beauftragte Gruppe von Historikern und Heimatforschern, diesen Themenkomplex systematisch aufzuarbeiten. Sie stellten Unterlagen aus deutschen und ausländischen Archiven, aus Dokumentensammlungen in Osteuropa, den Vereinigten Staaten und Israel zusammen, ein Konvolut von rund 10 000 Akten. Hinzu kam etwa die gleiche Zahl von Original-Meldekarteien von Männern und Frauen, die in Stadtallendorf für die Kriegsmaschinerie schuften mussten.

Zudem gelang es der Arbeitsgruppe, über Namenslisten Kontakte zu mehreren hundert aus Ungarn stammenden Jüdinnen herzustellen, die 1944 aus dem Konzentrationslager Auschwitz ins Außenlager Allendorf gebracht worden waren. Rund 150 von ihnen, die sich nach der Befreiung in vielen Teilen der Welt niederließen, kamen auf Einladung des Magistrats Anfang der neunziger Jahre zu einer Begegnungswoche zusammen, die auch international Beachtung fand. Nicht zuletzt die Schilderungen dieser ehemaligen Gefangenen trugen zur Vervollständigung der Dokumentationen bei. Manche der Frauen hatten sogar Erinnerungsstücke mitgebracht.

Eine Stadt erinnert an dunkle Kapitel ihrer Geschichte

All dies veranlasste die politischen Gremien der Stadt, in Zusammenarbeit mit dem Geschichtsverein und mit Unterstützung der Landeszentrale für politische Bildung sowie des Kreises Marburg-Biedenkopf Pläne für den Aufbau eines Dokumentationszentrums und eines Museums zu schmieden. Ein Standort mit Bezug war alsbald gefunden – der frühere Verwaltungsbau der Dynamit AG, die wie die Westfälisch-Anhaltische Sprengstoff AG im Wald bei Allendorf im Auftrag der Wehrmacht produzierte. Die Stadt ließ das denkmalgeschützte Gebäude renovieren und zu einer beispielgebenden Einrichtung zur Zeitgeschichte herrichten. Sie dient seit Mitte der neunziger Jahre Wissenschaftlern als Anlaufstelle für Recherchen. Zudem veranstaltet das Dokumentationszentrum Seminare, Vortragsveranstaltungen und Projektwochen für Schulen, Einrichtungen der Erwachsenenbildung, Vereine und Institutionen nicht nur aus der Region.

Die Ausstellung lockt mehrere tausend Besucher aus dem In- und Ausland, wie Brinkmann-Frisch sagt. Sie erläutert mit Schrifttafeln, zeitgenössischen Fotos und Skizzen sowie Originalen von Aufzeichnungen aus dem Arbeits- und Lagerleben den Weg Allendorfs von einer kleinbäuerlich geprägten Ortschaft mit kaum 1500 Einwohnern zu einem der wichtigen Standorte der Sprengstoffindustrie. Mit dem Nationalsozialismus hatte die ländlich-konservative Gemeinde zunächst nicht viel zu tun, was sich nicht zuletzt bei Wahlen manifestierte.

1938 änderte sich aber vieles: Auf der Suche nach neuen Standorten für die Waffenproduktion wählten die Dienststellen der Wehrmacht im Zuge des Aufrüstungsprogramms das bis dato eher unbedeutende Allendorf für den Bau zweier großer Sprengstofffabriken. Kriterien für die Wahl waren die Lage abseits der Ballungsräume, Tarnung durch Wälder und größere Wasservorkommen. Also wurden vor den Toren des alten Dorfs Großbetriebe auf einer Fläche von rund 1000 Hektar aus dem Boden gestampft.

Eine menschenverachtende Maschinerie für den Krieg

Weil es schon in der ersten Kriegsphase wegen stetig wachsenden Bedarfs an Waffennachschub und durch Einberufungen an Arbeitskräften mangelte, sorgten die Machthaber für Nachschub. Die Arbeitskräfte, die in Allendorf Zwangsarbeit zu leisten hatten, kamen vor allem aus den besetzten Ländern. Unter welch inhumanen Zuständen die Arbeiter durch unzureichende Ernährung, primitive Unterbringung und gefährliche Tätigkeiten litten, davon zeugt eine Vielzahl von Dokumenten wie Arbeitshefte, Dienstanweisungen, Tagebuchaufzeichnungen, ergänzt von Aussagen Betroffener: „Wir hatten mit stark giftigen Materialien zu tun, was hauptsächlich das Herz und den Magen angriff. Nach kurzer Zeit sahen wir entsetzlich aus, die ätzenden schlechten Gase fraßen sich in unsere Haut ein“, erinnerte sich eine junge Frau an die skrupellose Ausbeutung. Als Folge von Schwerstarbeit, Unfällen, Misshandlungen und Unterernährung sind allein für das Lager der sowjetischen Kriegsgefangenen 123 Todesfälle belegt. Als der Bedarf an Arbeitskräften auch mit Kriegsgefangenen und Verschleppten nicht mehr zu decken war, kamen schließlich KZ-Insassen zum Einsatz. Vom Spätsommer 1944 an wurden mehr als 1000 Jüdinnen nach Stadtallendorf gebracht. Auch wenn sie dort in der Hierarchie der Lager an letzter Stelle standen, bedeutete der Einsatz in den Sprengstofffabriken dennoch für die meisten von ihnen die Rettung vor den Vernichtungslagern.

Erweitert wurde die Ausstellung zuletzt um ein Kapitel, das sich mit der Nachkriegsgeschichte und dem Wiederaufbau befasst. Hatten die Alliierten ursprünglich vor, sämtliche Anlagen und Gebäude in Allendorf zu beseitigen, gelang es Kommunalpolitikern, Unternehmern, Handwerkern und nicht zuletzt den vielen Vertriebenen, die in den Lagerbaracken erste Bleiben bekommen hatten, eine Änderung der Pläne zu erwirken. Lediglich auf einem Teil der Areale fanden Demontage oder Abbruch statt.

In Allendorf, wo die Vertriebenen bald die Hälfte der Bevölkerung stellten, wurde das ehemalige Lager- und Fabrikgelände zur Keimzelle neuer größerer Wohngebiete. Hinzu kamen schon in den ersten Nachkriegsjahren mehrere Dutzend Unternehmensansiedlungen. Manche davon machten sich auch überregional einen Namen wie die Strickwarenherstellung Mauersberger, die Kristallglaswerke Hirschberg, die Hartpapierfabrik Beer & Co. So entwickelte sich die Kommune zu einer Industriestadt, die gut 20.000 Einwohner zählt und deutlich mehr Ein- als Auspendler hat. Die Aufbauleistung nach dem Kriege manifestiert sich nicht zuletzt in den Stadtrechten, die Stadtallendorf 1960 erhielt.

Das Dokumentationszentrum, Aufbauplatz 4, öffnet dienstags bis donnerstags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr, am ersten Sonntag im Monat von 15 bis 18 Uhr.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 28. Juli 2012 (Seite 57), Autor: Wolfram Ahlers