Mehr als nur Museen: Kassel und sein "Jahr der Kunst"

Landesmuseum-KasselNach "Solarstadt" und "Sportstadt" nun "Stadt der Kunst". Aber was macht Kassel dazu? Nur die documenta, die in diesem Jahr zum 13. Mal stattfindet? Sicher nicht. Denn auch die Museumslandschaft Hessen-Kassel ist in steter Bewegung und die Filmbranche setzt Ausrufungszeichen.

Kassel ist documenta-Stadt. Das ist klar. Kassel ist aber auch laut eines Städte-Rankings die dynamischste Großstadt Deutschlands. Das ist in der Kunst- und Kulturszene überall zu spüren. Vor allem in der Museumslandschaft Hessen-Kassel. 220 Millionen Euro steckt das Land Hessen zurzeit in die unzähligen Museen und Kulturdenkmäler - eines der größten Finanzpakete aller Zeiten für eine deutsche Museumslandschaft. Ob Herkules-Denkmal oder Neue Galerie: Überall wird saniert und umgebaut. Damit nicht genug: Es werden sogar noch neue Museen hinzukommen, so Kulturdezernent und Oberbürgermeister Bertram Hilgen: "Die Stadt Kassel hat mit ihrer elfhundertjährigen Geschichte unendlich viel zu bieten, und wir versuchen ja, mit der Brüder-Grimm-Welt und das Land mit dem Tapetenmuseum zwei wichtige Bausteinen hinzuzufügen."

Neues Museum für die Brüder Grimm

Das laufende Jahr ist auch das Grimm-Jahr. Vor 200 Jahren brachten die beiden Sprachforscher und Märchensammler ihre weltberühmten Märchen auf den Markt. Aufgeschrieben haben sie sie in Kassel, wo sie 30 Jahre lang lebten und arbeiteten. Für ihr Erbe wird nun ein neues Museum gebaut, auf dem Weinberg mitten in Kassel. Den Auftrag bekommt wahrscheinlich ein Büro aus der Stadt. Tore Pape hat vor ein paar Tagen mit seinem Entwurf – einem Kubus-Bau für die Grimms – den Architekturwettbewerb gewonnen. 18 Millionen Euro will die Stadt investieren und hofft auf 100.000 Besucher jährlich – und auf eine Museumsmeile, die so beliebt und berühmt sein wird wie die in Berlin oder Frankfurt.

"Wenn alles vollendet ist", so Hilgen, "dann haben wir das Torwache-Gebäude, das wir als Denkmal für die Brüder Grimm umbauen, gegenüber ist das Landesmuseum, daneben die Murhardtsche Landesbibliothek, die auch erweitert wird. Ein paar Meter weiter entstehen dann das Tapetenmuseum, das Brüder-Grimm-Museum, und das vorhandene Museum für Sepulkralkultur. Wenn Sie über die Straße gehen, haben Sie die neu eröffnete Neue Galerie, und ein Steinwurf weiter ist die documenta, das Fridericianum, das Ottoneum – wenn das keine Museums- oder Kulturmeile ist, was soll eine Meile dann sonst sein?"

Oscar für einen Kasseler Trickfilm

Von dem Aufschwung profitieren natürlich nicht nur die öffentlichen Kulturinstitutionen. Kassel hat auch eine große freie Kunstszene. Dazu zählt die Filmbranche. Jedes Jahr im November sind die vier Programmkinos Schauplatz eines der wichtigsten deutschen Dokumentarfilmfeste. Unter den Filmpreisen gibt es einen, der ausschließlich an nordhessische Produktionen verliehen wird. Denn Kassel hat auch eine Filmklasse an der Kunsthochschule, und die Arbeiten der Trickfilmer gehören zur Spitzenklasse.

Bereits zwei Trickfilm-Oscars gingen nach Kassel, einer bereits vor 15 Jahren an Thomas Stellmach für seinen Trickfilm „Quest“, eine Auszeichnung, von der Filmemacher und Hochschule bis heute profitieren: "Das merkt man, dass die Hochschule ganz stolz darauf ist. Für mich selber, so Stellmach, ist das natürlich eine Riesenmöglichkeit, da plötzlich bekannt zu werden. Das muss man dann allerdings auch umsetzen und nutzen. Da wird einem dann nicht plötzlich automatisch alles ermöglicht, man muss dann natürlich weiterproduzieren, ein nächstes Projekt machen und muss selbst an der Tür klopfen – die einem natürlich dann aufgemacht wird."

LOUIS-SPOHR-Briefmarke

Tusche tanzen lassen mit Louis Spohr

Für Filmemacher gibt es dann die Möglichkeit, staatliche Filmförderung zu erhalten oder Sponsoren zu finden. Das ist ihm bei seinem aktuellen, außergewöhnlichen Filmprojekt gelungen. Zusammen mit der Künstlerin Maja Oschmann arbeitet Stellmach an einem Trickfilm und lässt Tusche tanzen. Kleckse und Linien laufen und zerfließen zur Musik einer Louis Spohr-Oper, übrigens ein Kasseler Komponist, für den gerade ein neues Museum im Kulturbahnhof eingerichtet wurde.

Geholfen hat Stellmach dabei auch das Filmfest. Auf der Eröffnung im November wurde die Idee präsentiert, das Publikum war begeistert und danach klingelte die Kasse, erzählt Maja Oschmann: "Die anfänglichen Fördergelder waren sehr schnell verbraucht und es stellte sich heraus, wir sind nicht nach einem halben Jahr fertig – und haben dann, quasi zeitlich eingeschoben, ganz viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet, dass wir einen Film, der noch gar nicht fertig ist, schon kommunizieren. Langsam fruchtet das auch: Viele Menschen kennen den Film; es gibt Menschen, die stecken uns Bargeld zu, weil sie uns unterstützen möchten, es fängt schon an in Bewegung zu kommen."

Sie haben große Pläne: Im Juni 2012 soll der Film fertig sein, pünktlich zur documenta-Eröffnung. Sie wollen ihn parallel dazu im Kasseler Spohr-Museum zeigen. So schließt sich dann der Kreis: Die freie Kunstszene in Kassel und das wichtigste Kunstereignis des Jahres kommen im "Jahr der Kunst" zusammen.

Quelle: hr-online | Ein Beitrag von Beatrice Weiskircher in hr2-kultur