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Für ein "Gastspiel moderner Tänzer" hatte Waltraud Luley 1969 in Zeitungen inseriert. "Damit sich nicht reihenweise Ballerinas melden. Das taten sie zwar trotzdem, aber ich konnte sagen: Diesmal nur modern!" Es war eine Ausnahme. Man schaute lieber Klassik an hierzulande. Und wenn es mal ein Gastspiel von zeitgenössischem Tanz gab, erinnert sich Luley, dann seien die Rezensionen geradezu Publikumsbeschimpfungen gewesen. "Nur alte weißhaarige Damen mit Pagenschnitt" säßen da.
Nun ist Waltraud Luley selbst eine alte Dame mit Pagenschnitt - und wenn sie, hellwach und kritisch, etwa im Frankfurter Mousonturm sitzt, dann dürfte sie mit einiger Befriedigung bemerken, dass es ein gemischtes und von vielen jungen Gesichtern durchsetztes Publikum ist, dass sich für das interessiert, was man in Luleys Jugend "Barfußtanz" nannte.
Nicht wenige unter den Zuschauern dürften bei ihr selbst oder einer ihrer Schülerinnen Unterricht genossen haben. Bis 2003, in ihrem 88. Jahr, hat sie regelmäßig unterrichtet. Nicht nur in ihrem Frankfurter Tanzstudio Luley an der Brönnerstraße, gleich neben dem Musikclub Sinkkasten, das Marion Balzer übernommen hat. Auch an der Frankfurter Musikhochschule lehrte sie jahrelang "Kreativen Tanz".
Auf den alten Fotos haben ihre Schülerinnen und Schüler nichts gemein mit den knatschrosa Mini-Ballerinas, die man allenthalben sieht. Schon 1950, in einem kargen Hinterhaus, ihrem ersten Studio, hat Waltraud Luley den modernen Stil gelebt und gelehrt. Mag die karge Schülerkutte "im griechischen Stil", wie sie sagt, zu Anfang eher den Nachkriegsverhältnissen geschuldet gewesen zu sein, so war doch eines damit gesichert: Alle Kinder sahen mehr oder weniger gleich aus, keines konnte sich durch Pomp hervortun, und alle waren ganz frei in ihren Bewegungen.
Und wenn in Luleys Kindergruppen Indianer, Prinzessinnen oder ein Hofnarr das tänzerische Licht der Welt erblickten, dann strahlen die Schwarzweißfotos bis heute eine solche schlackenlose Anschaulichkeit und Vertiefung in die Bewegung aus, dass man auch 50 Jahre später noch staunen kann, wie man so etwas mit Kinder und Jugendlichen hinbekommt. Im Lauf von Jahrzehnten hat sich Luley eine ganz eigene Pädagogik des Kinder- und Jugendtanzes erarbeitet, die auch zahlreiche Lehrer geprägt hat. Wie das geht, mit Kindern eine kitschfreie Prinzessin oder einen liebevoll sorgsamen Puppentanz zu erarbeiten, kann Luley immer noch höchst anschaulich beschreiben, demonstriert Hände, Arme, Füße, den Blick. Und erinnert sich bei so manchem Foto an erfolgreiche Knaben, hochbegabte Mädchen, "Unglückskinder" und weiß, welche der niedlichen Elfen ihren Kameraden gegenüber ein hinterrückses Biest war.
Nicht nur die Schüleraufführungen, deren Choreographien unter anderem von hiesigen Tanzschaffenden stammten, waren wohlbekannte Ereignisse: 1969 und 1970 mietete sie dreimal auf eigene Faust das Frankfurter Schauspielhaus und die Kammerspiele für "Spectrum", um Standpunkte des zeitgenössischen Tanzes zu zeigen. "Ich rannte offene Türen ein." Das hatte Luley nicht erwartet. Pina Bausch und ihre Gruppe waren da, mit "Im Wind der Zeit", Gerhard Bohner, der zwei Jahre später das Tanztheater Darmstadt gründen sollte, tanzte dort ebenso wie Susanne Linke. Die junge Begabung - Linke ist Jahrgang 1944 - hatte Luley als "Bonbon" eingeladen, mit einem Drehtanz. Denn den beherrschte Linke wie sonst niemand von den Jungen - und Luley erinnert das bis heute an eine historische Arbeit der berühmten Tänzerin Dore Hoyer (1911 bis 1967): Eine schier nicht enden wollende Kreisbewegung zu Ravels Bolero.
Luley war lange Jahre lang eine enge Freundin und Unterstützerin von Dore Hoyer, deren Nachlass sie hütet. Der tägliche Blick gilt der herausragenden Bronzebüste Hoyers, die Luley bei Bernhard Heiliger in Auftrag gegeben hat. Tanzgeschichte ist immer auch eine Art Familien- oder vielmehr Wahlverwandtschaftsgeschichte. Derzeit arbeiten allenthalben Tanzwissenschaftler und Choreographen an diesen Linien und Verästelungen, rekonstruieren Stücke oder etablieren Archive, um das so flüchtige Gedächtnis des Tanzes in festen Formen zu bewahren. Wer sich mit Waltraud Luley unterhält, hat Tanzgeschichte und Geschichten vor sich.
Geboren 1915 in Riga, genoss sie früh neben der höheren Schule eine Ausbildung in Gymnastik und modernem Tanz. Ihre Lehrerinnen Anna Aschmann und Beatrice Vigner waren unter anderem geprägt von der Schwester Isadora Duncans, Elisabeth. In Vigners Tanzgruppe war Luley Tänzerin, bis sie mit ihrem Mann und dem 1945 geborenen Sohn nach Deutschland kam. Weil sie keine Papiere hatte - jedenfalls keine, die des Lettischen unkundige deutsche Behörden akzeptieren wollten, machte sie in den ersten Nachkriegsjahren noch einmal eine tanzpädagogische Ausbildung: In Hamburg, bei Lola Rogge, die der Tradition Mary Wigmans entstammt. "Es hieß: ,Der moderne Tanz ist tot'! So ein Quatsch!", lacht Waltraud Luley heute noch herzhaft. Aber immerhin gab es damals schon wieder Eltern, die ihre Kinder im Tanz unterrichten lassen wollten - auch in Frankfurt, wohin die Luleys später zogen.
So hatte Luley schon einige Urmütter der Moderne in den Muskeln und Knochen, als sie 1948 Dore Hoyer begegnete. Die legendäre Tänzerin war völlig mittellos aus Dresden nach Hamburg gekommen, und Luley wollte ihr helfen - eine Selfmade-Impresaria. "Meine größte Heldentat" nennt sie das, aber wie immer, wenn Luley große Worte gebraucht, tut sie das ironisch, distanziert. Ernst meint sie es trotzdem: Die Freundschaft und das Arbeitsbündnis mit Hoyer haben sie tief geprägt. An Silvester 1967 nahm sich Hoyer, krank, erschöpft und im Wissen darum, dass ihre Kunst in Deutschland kaum mehr Anhänger fand, das Leben. Ihr Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ist Luley zu verdanken. Die bis heute daran interessiert ist, was den Tanz weiterbewegt. Sogar, wenn er sich erinnert.
Als 1999 der junge Tänzer und Choreograph Martin Nachbar sich daran machte, Hoyers berühmten Zyklus "Affectos humanos" zu rekonstruieren, den er unter dem Titel "Urheben. Aufheben" bis heute bearbeitet, hatte er zwei Hilfen: Einen Film Hoyers aus den sechziger Jahren - und Waltraud Luley, die Nachbar eine "Festplatte" nennt. Ein guter Begriff, der zu ihrem fabelhaften Gedächtnis, dem unbestechlichen Blick für gelungene, konsequente Bewegungen, ihrer Ausdauer und ihrer Präzision passt - hätten Festplatten auch noch den trockenen Humor und beherzten Zugriff, der Luley eigen ist.
Mittlerweile kennen Hunderte von Tänzern und Tanzwissenschaftlern diese Anekdote der Zusammenarbeit: Den Beginn des Affekt-Solos "Hass" hatte Nachbar so weich getanzt, dass die damals neunzig Jahre alte Luley vom Stuhl sprang: "Es ist Hass, Herr Nachbar!" Der ganze Körper müsse eine Spannung sein. Und als der junge Schlaks sich abmühte und hochzufrieden mit seinem Ergebnis war, entgegnete sie nur: "Der kleine Finger fehlte." Morgen feiert Waltraud Luley ihren 95. Geburtstag.
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 16. Mai 2010 (Seite Kultur R3), Autor: Eva-Maria Magel
Unteres Foto:Siegfried Enkelmann