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Ein Päckchen Ata Scheuerseife liegt auf der Spüle der Frankfurter Küche, die Milchglaslampen werden mit altertümlichen Drehknöpfen angeschaltet, und auf dem von Ferdinand Kramer entworfenen Schreibtisch steht ein altmodisches Telefon mit Wählscheibe. Wer über die Schwelle des Ernst-May-Hauses In Frankfurt tritt, macht eine Zeitreise. Es geht mehr als achtzig Jahre zurück, genau gesagt, ins Jahr 1928. Nach fünf Jahren Arbeit hat die Ernst-May-Gesellschaft das Musterhaus für die Siedlungen des "Neuen Frankfurt" in den Originalzustand zurückversetzt. …
Mays Siedlungen des "Neuen Frankfurt" hatten Modellcharakter. Die Wohnhäuser sollten massenhaft reproduzierbar sein. Der Landeskonservator und stellvertretende Vorsitzende der May-Gesellschaft, Christoph Mohr, nennt ihn daher den "Vater des Plattenbaus": "Sein Traum war die Montage innerhalb von nur drei Tagen." Doch nicht nur die Bauweise hatte schon fast industriellen Charakter. Auch die Innenausstattung basierte - wie die detailgetreu wiederhergerichtete Frankfurter Küche - auf wiederholbaren Standards.
Das "Neue Frankfurt" ist mehr als eine Siedlungspolitik, mit der der charismatische Stadtbaurat auf die nach dem Ersten Weltkrieg herrschende Wohnungsnot reagierte: Das Wohnungsbauprogramm trägt auch Züge einer gebauten Erziehungslehre. "May entwarf egalitären Wohnraum für den idealen Zukunftsmenschen", sagt Christoph Mohr. Ihm schwebte ein anderes Menschenbild vor. "Er wollte die Bewohner zu sportiven, offenen, der Natur zugewandten Menschen erziehen", meint der Kölner Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt …
May und seine Mitstreiter schufen in den Siedlungen eine Qualität, die überdauert hat. Die Wartelisten, um ein Häuschen in der Römerstadt, der wohl am besten erhaltenen May-Siedlung, zu ergattern, sind lang. Die May-Freunde, die für ihr kleines Architekturmuseum Miete zahlen müssen, hoffen auf Nachahmer, die ihre Häuser denkmalgerecht sanieren.

Die Stadt sollte mit dem Erbe sorgsamer umgehen, meint Pehnt. Die Qualität der May-Siedlungen war schon mehrfach bedroht - nicht nur von dem Gauleiter, der der Römerstadt im Dritten Reich Satteldächer aufsetzen wollte. In den Sechzigern sollte die Siedlung Wohnhochhäusern weichen. Heute drohen die Häuser durch Sanierung oder den Austausch der Holz- durch Kunststofffenster ihren Charme zu verlieren. Dennoch scheint die Römerstadt nicht in Gefahr: "Die Zeit hat für sie gearbeitet", sagt Mohr.
2011, zum 125. Geburtstag Ernst Mays, erinnert das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt mit einer Sonderausstellung an den Vater des "Neuen Frankfurt".
© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv". Erstveröffentlichung am 28. Juli 2010 (Seite 34), Autor: rsch.